Zur Kritik der deutschen Erinnerungskultur und der Gedenkveranstaltung am 9.11.

Die vollständige Ausrottung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus in Zweibrücken ist der Stadt kaum eine Erwähnung wert. Die Erinnerung an die verschleppten, zur Flucht gezwungenen oder ermordeten Zweibrücker Familien findet praktisch nicht statt. Lediglich eine abgetretene Messingtafel vor dem Schloss und eine Hinweistafel vor dem Platz, an dem früher die Synagoge stand, erinnern daran, dass es hier einmal jüdisches Leben gegeben hat.
Warum wir uns als Solidarische Rose trotzdem nicht der Gedenkveranstaltung am 9.11. zur Reichspogromnacht anschließen, möchten wir im Folgenden ausführen.

Für die Veranstalter vom Bündnis Buntes Zweibrücken scheint es kein Widerspruch zu sein, unter anderem Vertreter der Stadt einzuladen, die regelmäßig am Volkstrauertag eine Veranstaltung durchführt, bei der auch den Mördern der nationalsozialistischen Wehrmacht gedacht wird.
Der Aufwand der jährlich stattfindenden Ehrungszeremonie, stellt den heutigen Abend und damit die Erinnerung an die tatsächlichen Opfer des Nationalsozialismus in den Schatten. Die Prioritätensetzung scheint somit klar. Auch dass man am Volkstrauertag der Kameradschaft Nationaler Widerstand Zweibrücken eine Bühne lässt ihr geschichtsrevisionistisches „Heldengedenken“ abzuhalten, scheint niemanden zu empören.

Die Wehrmachtsoldaten, denen am Volkstrauertag gedacht wird, waren ebenso Teil der deutschen Volksgemeinschaft wie jene Zweibrücker, die in der Nacht vom 9. November 1938 auf den Straßen tobten.
Jüdische Geschäfte wurden zerstört und geplündert, die Waren auf die Straße geworfen, Menschen verhaftet und deportiert. Die Zweibrücker Synagoge wurde am 10. November niedergebrannt. Vormals scheinbar akzeptierte jüdische Bürger Zweibrückens wurden bedroht und im Nachgang boykottiert. Vielen Familien blieb nur noch die Auswanderung, um nicht in den Ruin getrieben zu werden. Wer die Stadt nicht rechtzeitig verließ, wurde deportiert und umgebracht. Zweibrücken war das erste Gau, das verkünden konnte „judenfrei“ zu sein.

Selbstverständlich bleibt es notwendig diese Verbrechen in Erinnerung zu rufen, aber nicht so formelhaft und leer wie es bei den meisten Gedenkveranstaltungen Praxis ist. Die staatlich geförderte und praktiziere Form des Erinnerns motiviert nicht zur kritischen Reflexion über die historischen Entstehungsgründe des Nationalsozialismus oder die Nähe des eigenen Selbst zum NS. Die deutsche Erinnerungskultur tritt von vornherein mit einem moralischen Gestus auf, der behauptet ein bloßes Erinnern an die Verbrechen verhindert eine Wiederholung derselben.
Im Zentrum stehen also nicht Entschädigung der Opfer oder der dringend notwendige Kampf gegen Antisemitismus, sondern die Wiederherstellung der eigenen (deutschen) Identität und die Inszenierung als „Wiederaufarbeitungsweltmeister“.
Die so entstandene Erinnerungskultur produziert dann ein Holocaust-Mahnmal in Berlin „wo man gerne hingeht“ (Gerhard Schröder) und um das „in anderen Ländern manche die Deutschen beneiden“ (Eberhard Jäckel). Mit einem empathischen Gedenken an die Opfer und einem wirklichen Lernen aus der Geschichte hat all das nichts zu tun.
Forderungen nach finanzieller Entschädigung, wie sie enteigneten Aktionäre des Berliner Zoos oder griechische Opfer von Wehrmachtsmassakern formulieren, werden dagegen ignoriert. Stattdessen werden Gedenktafeln gebaut und Austauschprogramme oder „Zukunftsstiftungen“ eingerichtet. Wichtig ist es, dass die „Projekte“ einen kulturellen Mehrwert haben, der deutlich sichtbar ist, um daraus eine moralische Deutungshoheit über die Geschichte ableiten zu können und den Rest der Welt über einen richtigen Umgangmit dem Faschismus zu belehren.

Erinnerungskultur darf nicht bei toten Jüdinnen und Juden stehen bleiben, sondern muss sich entschieden gegen jede Form antisemitischer Agitation stellen. Dabei geht es nicht nur um den plumpen Antisemitismus von Neonazis oder Islamisten, sondern auch um den Antisemitismus der feinen Gesellschaft, der mal in schuldabwehrender oder antizionistischer Manier daher kommt. Folglich gehören Kameradschaften wie der Nationale Widerstand Zweibrücken ebenso mit allen notwendigen Mitteln gestoppt, wie der als „Israelkritik“ getarnte Antisemitismus deutscher Journalisten.

„Dass Auschwitz nicht noch einmal sei“ (Adorno) – ist nur umzusetzen, wenn die Motive, die dazu geführt haben verstanden und bekämpft werden!

Solidarische Rose im November 2017

Weiterführend dazu:
Theodor Adorno: „Erziehung nach Auschwitz“
70 years Kampagne: „The aftermath of the allied triumph over germany“